Eine Seite wie von Gutenberg

Für ein neu entstehendes Museum in Korea durften wir eine ganz besondere Druckform in Blei anfertigen. Es handelt sich dabei um die Eröffungsseite des Buches Josua der berühmten Gutenberg-Bibel B42. Der Weg zu diesem Ergebnis war außerordentlich spannend und wir möchten an dieser Stelle ein paar kleine Einblicke geben.

Gutenberg B42 Museum Korea OHD Druckform und Druck

Als die Anfrage kam, ob wir eine Seite aus Gutenbergs 42-zeiliger Bibel als Druckform erstellen könnten, war sehr schnell der Eigenanspruch da, diese Form so originalgetreu wie möglich zu erstellen. Doch bereits bei der Schriftwahl stößt man auf große Hürden, denn natürlich gibt es die Originalmatern Gutenbergs nicht mehr. Wie also die Schrift gießen? Oder ausnahmsweise doch kaufen? Herr SchumacherGebler recherchierte, überlegte, telefonierte. Schriftbestände aus einem Nachschnitt der gutenbergschen Typen gab es noch bei Rainer Gerstenberg, jedoch nur in 24 Punkt. Unsere Replik benötigte 18 Punkt-Schrift. Eine eigene Schrift aus unserem Bestand gab es nicht. Jede andere Schrift wäre so weit vom Original entfernt gewesen, dass es uns nicht sinnvoll erschien. Schließlich kam die Lösung: die Dale Guild Type Foundry in Amerika hatte die Typen Gutenbergs nachgeschnitten. Die sehr interessante Entstehungsgeschichte dieses Unterfangens kann  hier nachgelesen werden.

Gutenberg B42 Detail der Typen

Die Matern und Restbestände der Schrift waren allerdings nun nicht mehr in Amerika, sondern in Antwerpen im Besitz Patrick Goossens. Reichen die Typen? Wer könnte nachgießen? Nun sind die amerikanischen Matern völlig anders als unsere Monotype-Matrizen. Und leider auch nicht für die Komplettgießmaschinen von Gerstenberg geeignet. Herr SchumacherGebler telefonierte und recherchierte weiter. Die Lösung kam von unseren Kollegen des   Book Art Museum im polnischen Łódź. Diese waren im Besitz einer Spezialvorrichtung aus Kanada, die es ermöglichte die Matern auf der Monotype Supra zu gießen. Ein spannendes Kennenlernen und Wissensaustausch fand bei einem wechselseitigen Besuch statt, zudem durften wir uns die Spezialvorrichtung ausleihen und konnten dadurch erfolgreich selbst eine der amerikanischen Matern zur Probe abgießen.

Gutenberg B42 Gießen

Die Zeit floß allerdings schneller als gedacht dahin, und unsere Auftraggeber wollten die Bibelseite bis Jahresende haben. Ein langwieriges und kompliziertes Gießen der vielen benötigten Lettern war zeitlich nicht mehr möglich. Und so begannen sorgfältige Auszählarbeiten in der Setzerei. Jede Type der Vorlage wurde erfasst. Dabei handelt es sich nicht nur um unsere üblichen 26 Buchstaben, sondern um eine Vielzahl an Varianten der einzelnen Lettern und uns völlig unbekannte und neue Ligaturen, Sonder- und Abkürzungszeichen. Denn Gutenberg wollte damals der Handschrift der Mönche mit seiner Bibel gleichkommen. So gibt es unterschiedlich enge oder weite e und o, a die alle eine andere Mittelhöhe haben oder i mit verschiedenen Punkten. Die vollständige Liste wurde nach Antwerpen geschickt, wo uns Goossens eilig die Lettern zusammenpackte und uns zuschickte. Dieser schnellen Hilfe haben wir viel zu danken! Die Lettern wurden in Steckschriftkästen sortiert, und dann von Hand sorgfältig nach Vorlage gesetzt.

Gutenberg B42 Angeliefert

Die Buchmalerei unserer Vorlage war noch ein anderes Blatt. Denn Titel, Initialen und Rot wurden vom einstigen Käufer der Bibel von Hand noch eingezeichnet. Ursprünglich waren dann die Initialen als Holzschnitt gedacht, doch war dies zeitlich nicht mehr möglich. Alternativen wurden gesucht und schließlich wurden von uns Vorlagen für eine Magnesiumätzung gefertigt. Die zweifarbigen Formen mussten allerdings nun einfarbig gedacht werden für die Druckform. Und auch die filigranen Details, die teilweise nur noch sehr zart und unscheinbar in der Vorlage erkennbar waren, waren technisch leider nicht möglich. Das Ergebnis stellte jedoch trotzdem alle zufrieden.

Gutenberg B42 Initiale

Unser Auftraggeber wollte natürlich von der Form auch Drucke haben. Das ursprüngliche Rot des Buchmalers konnten wir leider trotz Recherche nicht ausfindig machen, das Original der Seite haben wir leider auch nie gesehen. Wir entschieden uns dann nach einigen Versuchen für ein leuchtendes, aber doch gesättigtes, tieferes Rot. Unsere Recherchen brachten dafür den Stand der Kolumnen zutage. Gutenberg nutzte den Villardschen Teilungskanon, den wir auch für unseren Druck festlegten. Somit kommen wir dem Original wieder sehr nah.

Der außergewöhnlich herausfordernde Auftrag brachte uns trotz aller Hürden viel Wissen und Erkenntnis zu dem Erfinder unserer Kunst Johannes Gutenberg und seiner Arbeitsweise. Auch der internationale Austausch für dieses Projekt machte uns viel Freude.

Gutenberg B42 Villardscher Teilungskanon